Rekonstruktionen

Nachdem ich heute die neusten Zietungsmeldungen gelesen habe, muss ich doch noch ein oder zwei Dinge zu dem Amoklauf sagen.

Erstens macht mich die Täterdarstellung wahnsinnig. Wo am ersten Tag noch von einem netten, sehr intensiv und gut Tischtennis spielendem Jungen die Rede war, steht heute bei der SZ bspw. nur noch, “Seine Freizeit habe der 17-Jährige mit Killerspielen und Horrorfilmen verbracht.
Mit solchen Aussagen steht die SZ aber keineswegs allein dar. Im Gulli:Board findet sich eine schöne Analyse der veränderten Darstellung des Täters in den Medien. Etwas schnippisch, aber inhaltlich wirklich lesenswert. Es erscheint fast, als hätte die TT-Vereinsmitgliedschaft etwa nicht mehr ins Bild des medial akzeptablen Attentäters gepasst!?

Und auch der zweite Punkt, bei dem ich mich nicht zurückhalten kann, hängt wieder mit den Medien und dem Aktionismus der Politik zusammen. Die vermeintliche Falschmeldung über eine Vorankündigung der Tat im Internet. Man kann sich natürlich nicht 100% sicher sein, dass der Täter keinen Beitrag vor seiner Tat verfasst hatte. Aber ich persönlich verstehe auch nicht, wieso es so ungemein wichtig ist. Klar, der Tathergang muss rekonstruiert werden, aber reicht es nicht wenn man den Tathergang in einem fundierten Abschlussbericht ergründen kann? So zynisch es sich anhört, aber im Moment wird mit solchen Exklusivmeldungen keinem mehr geholfen. Es wird auch kein neuer Trittbrettamoklauf verhindert. Erfolgreiche Maßnahmen resultieren in der Regel nicht aus politischen Schnellschüssen, die aus der Hüfte kommen.

Aber ich vergaß. Es geht ja schon lang enicht merh um den Täter oder die Opfer. Es geht um die Medienmaschinerie und Politik. Der Innenminister musste schnelle Erfolge vorlegen, da ihn die Presse sonst schnellstens als inkompetent dargestellt hätte. Und wenn die Nachricht der Vorabankündigung über das Internet dann auch noch so perfekt ins erwartete Bild des Amokläufers passt, dann kann ich verstehen, dass er schnellstens damit an die Öffentlichkeit wollte.

Und nun? Nun geht es um Schadenbegrenzung. Natürlich Schaden gegenüber seines Amtes oder seiner Person. Eine Falschmeldung, die vom Innenminister unter Vortäuschung falscher Fakten verifiziert wird, ist wirklich eine ziemliches Disaster. Aber ob es nun dadurch besser wird, verworrene Spekulationen darüber anszustellen, ob der Täter möglicherweise Internetcafés genutzt oder Zugriff auf eine bislang unbekanntes Notebook gehabt hatte, mag ich stakr bezweifeln. Außerdem stellt sich jedem vernünftigen Menschen die Frage, warum er das denn hätte verschweigen sollen. Unter der Annahme, dass er seine geplante Tat geheimhalten und möglicherweise flüchten wollte, kann man davon ausgehen, dass er überhaupt auf jegliche Nachricht verzichtet hätte. Wenn er aber eine Nachricht schrieb, so macht es überhaupt keinen Sinn, diese geheim von einem fremdem PC aus zu senden.

Naja aber mit der Vernunft ist es wohl bei so manchem in den heutigen Tagen nicht mehr so weit. Wie sonst könnte man auf die Idee kommen, die Verbindungsdaten der Provider zur Klärung dieser, meines Erachtens nicht wirklich maßgeblichen, Nachricht zu überprüfen? Würde das irgendetwas oder irgendwem helfen?
Manchmal hoffe ich wirklich, dass die Medien irgendwann doch etwas zurückhaltender werden und beende meinen Erguss mit dem schlechten Gewissen durch meinen Beitrag eine eigentlich Sinnlose Diskussion noch weiter anzuheizen…